Ein Haus auf dem Land - Eine Wohnung in der Stadt

Ein Buch „von einem, der auszog, um in seiner neuen Heimat anzukommen“, oder: „vom einem, der zurückkam, um seine alte Heimat zu finden“. Mit diesen beiden Untertiteln ist das Buch von Jan Brandt, das er auf einer Lesung am 22. Januar in der Gemeindebücherei Ganderkesee vorstellen wird, eigentlich schon beschrieben. Es ist ein Buch, der Begriff Roman wird ihm nicht gerecht, über Heimat- und Identitätsverlust. Und über die Suche nach ihnen, mal witzig, mal deprimiert, mal zornig, mal beobachtend, mal distanziert, immer klug, immer autobiografisch und persönlich. Eigentlich sind es auch zwei Bücher, die sich fast in der Mitte treffen. Und so kann man es auch lesen, von dem einem oder von dem anderen Anfang. Und so habe ich es auch gelesen, abwechselnd von der einen und der anderen Seite.

Während der Autor in Berlin, gekündigt wegen Eigendarf, auf Wohnungssuche ist, stößt er im Netz auf eine Anzeige, das Haus seines Urgroßvaters in Ostfriesland, von der Familie schon längst veräußert, sei zu verkaufen. Für die Landbewohner ist es lediglich „das olle Haus“. Der Stadtbewohner hingegen verklärt es nostalgisch zum musealen Ort seiner Kindheit, möchte es auf jeden Fall erhalten, es konservieren. Und mit ihm seine Erinnerungen. Er überlegt gar, es zu kaufen, träumt von einem Literaturhaus in Ihrhove, 20 km querab von Leer. Er fährt auch hin. Der prekär lebende Schriftsteller trifft dort seine alten Klassenkameraden, alle so etabliert, wie es sich die Eltern gewünscht haben. Er führt Bankgespräche, spricht mi Investoren. Letztendlich scheitert sein Vorhaben, das Haus wird abgerissen und er findet eine Wohnung in Berlin.

Zwei Geschichten ,die eigentlich doch nur eine sind. Eine Geschichte der Erinnerungen. An eine Kindheit in einem ostfriesischen Dorf, das es so nicht mehr gibt. An ein Dorf mit Handel und Handwerk, Kneipen, Stammtisch, Nachbarschaft. Wo man beim Krämer einkaufen konnte ohne ins Auto zu steigen. Wo es aber auch kein Einkaufszentrum gab mit Riesenauswahl, sondern viele kleine Geschäfte mit dem täglichen Bedarf und auch etwas darüber hinaus. Einerseits. Und Andererseits Erinnerungen an ein Berlin ohne Spekulanten und Investoren. Ein Berlin mit vielen billigen Altbauwohnungen und Kiez. Ein sehnsuchtsvolles Buch eines Schriftstellers, der seine Heimat sucht. Ist sie dort, wo er geboren wurde? Ist sie dort, wo er lebt? Ein Buch voller Geschichte, akribisch und auch großartig im „ostfriesischen Teil“ mit einem rasanten, atemlosen Ritt in einem Satz durch 150 Jahre Geschichte, die das alte Haus in Ostfriesland erlebt hat, von Seite 70 bis 102 ohne Punkt und Absatz, den man fast ohne Pause in einem Zug lesen möchte. Das Buch handelt zwar in Ihrhove und Berlin könnte aber auch für viele andere „Auswanderer“  zutreffen.

Gustav Förster

Brandt, Jan
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG
ISBN/EAN: 9783832183561
24,00 € (inkl. MwSt.)