Ein Tag wird kommen

„Ein Tag wird kommen“ ist ein Dorfroman aus der italienischen Provinz Marken zwischen der Emila Romagna und den Abruzzen um die Jahrhundertwende vor dem ersten Weltkrieg. Es ist ein Roman aus der Welt der Halbpächter, denen nichts gehört. Und es ist der Roman der ungleichen Brüder Nicola und Lupo, Söhnen des Dorfbäckers „Ceresa und Söhne“. Nicola ist der unnütze Sohn, der „Krumenbub“, schwächlich taugt er zu keiner Arbeit und lernt merkwürdige Sachen wie Buchstaben und Worte. Lupo ist der rebellische, aufsässische Sohn, der ein Wolfsjunges als Haustier aufnimmt und sich früh den Anarchisten anschließt. Beide sind die einzigen Überlebenden der vielen Ceresa-Kinder, die alle dafür ausersehen waren, früh zu sterben. Und dem Geheimnis ihrer Schwester Nella, missbraucht und abgeschoben in ein Kloster. Und es ist die Geschichte von Sour Clara, Tochter eines nubischen Dorfältesten, als 8-jährige von arabischen Menschenhändlern entführt, begutachtet und abgetastet wie eine Tomate, auf den Markt gebracht und verkauft. Später freigelassen landet sie im Kloster Serra de`Conti. wird dort in Klausur und Stille „La Moretta“, die Mohrin, und steigt zu einer bis heute hochverehrten Äbtissin auf.

Es ist schon ein ganz besonderer Dorfroman. Keine romantisierende, verklärende Erzählung des ach so schönen Landlebens ala Landlust. Es ist Geschichte von unten. Italienische Regionalgeschichte von Armut und Ausbeutung, von der jungen Autorin stilsicher und gut formuliert erzählt. Eine Bruder-Geschichte, erzählt aus der Perspektive derer, die nie gefragt wurden. Die aber viel zu erzählen haben. Es ist eine Geschichte der ausgebeuteten Halbpächter, geprägt von harter Arbeit und viel zu hohen Abgaben an die Grundbesitzer zur Zeit vor dem beginnenden 1. Weltkrieges  mit dem Kampf der Italiener gegen die österreichischen Invasoren. Es ist die Geschichte von Unterdrückung, Widerstand gegen ein zutiefst ungerechtes System, von Anarchie und dem aufkommenden Faschismus unter Mussolini und der dem Krieg folgenden „Spanischen Grippe“. Und es ist die Geschichte von religiöser Hingabe aber auch von Lüge und Missbrauch versteckt hinter Klostermauern. Sie läuft nicht chronologisch ab, diese eindrucksvolle in einzelnen Episoden gekonnt erzählte  Geschichte mit ihren lebendigen Akteuren. Und sie ist auch ein Andenken an den Großvater der Autorin, Anarchist aus Marken, dessen Spuren sich im ersten Weltkrieg in Deutschland verlieren.

Gustav Förster

Caminito, Giulia
Wagenbach, Klaus Verlag
ISBN/EAN: 9783803133250
23,00 € (inkl. MwSt.)