Hard Land

In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb“, so beginnt der Roman HARD LAND von Benedict Wells, den ich heute ganz besonders ans Herz legen möchte. Es ist der Roman des 16-jährigen Sam, der in Grady, einem langweiligen Kaff in Missouri, ein wenig Außenseiter ist. Ein Kaff wie es sie überall auf der Welt gibt. Der einzige Mensch aus Grady, der irgendwann einmal bekannt wurde und einen Preis bekam, war William Morris mit seinem Gedichtzyklus HARD LAND, den seither jede 11. Klasse durchnehmen muss. Um seiner Familie, sein Vater ist arbeitslos, seine Mutter krebskranke Buchhändlerin, zu entfliehen, was seine Schwester Jean, von wenigen Besuchen abgesehen, schon längst gemacht hat, nimmt er einen Aushilfsjob in einem Kino an. Dort lernt er Brand, Cameron und Kristie kennen, alle etwas älter als er und drauf und dran Grady zu verlassen. Mit ihnen verlebt er den Sommer. Einen Sommer, der alles Bisherige auf den Kopf stellt. Er feiert die ersten Partys, raucht Gras, macht verrückte Dinge, die er sich vorher nie zugetraut hätte, ist übermütig, wach und plötzlich mittendrin. Und er verliebt sich. In Kristie, die Tochter des Kinobetreibers, die schon einen Freund hat und in Kürze zur Highschool gehen wird. Seinen 17. Geburtstag verbringt er, statt mit der Familie, mit seinen Freunden und als er nach Hause kommt ist seine Mutter gestorben.     

HARD LAND ist ein wundervoller Roman übers Erwachsen werden. Sprachlich und inhaltlich absolut überzeugend schildert der Autor, der schon in vorherigen Büchern bewiesen hat, dass er schreiben kann, den Weg Sams zum jungen Erwachsenen, dem es schließlich gelingt, seinen Frieden mit der langweiligen Kleinstadt zu finden, in der es  angeblich 49 Geheimnisse zu entdecken gibt. Es ist der Roman in 49 Kapiteln über eine Zeit in Sams Leben, wie er sie nie wieder erleben wird, egal was er auch erleben wird. Genau wie seine Schwester Jean, die es nicht erwarten konnte, das rückständige Kaff endlich hinter sich zu lassen. Die aber dann, als sie alte Freudinnen wieder trifft,  merkt, „Ich war so glücklich in Grady…... Ich meine, es ist in den letzten Jahren fast alles wahr geworden, was ich mir damals erträumt habe. Aber es war trotzdem nie so schön, wie davon zu träumen“. Ein Loblied auf die Käffer der Heimat, die eigentlich fast jeder von uns hat. Und auf Gefühle, die man nicht erklären kann „Es sind Gefühle, man kann sie nur fühlen“. Und auf eine Zeit, die nie wieder zurückkehrt, die aber in der Erinnerung allgegenwärtig ist, die man aber nie wieder betreten wird „Jugend ist der Ort, den du verlassen hast“. Ein absolut lesenswerter, sprachlich schöner Roman über die Zeit des Erwachsenwerdens, eine Zeit mit Stimmungsschwankungen zwischen Euphorie und Melancholie, „Euphancholisch“ würde Sam jetzt sagen. „Wen dieses Buch kalt lässt, der war nie jung“ (Jan Ehlert, NDR Kultur eat.READ.sleep)

Gustav Förster

Wells, Benedict
Diogenes Verlag AG
ISBN/EAN: 9783257071481
24,00 € (inkl. MwSt.)